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Gletschertour

Transalp

 dem Himmel so nah

vom 16.08.2008 bis 25.08.2008

Teilnehmer: Gabi Christa und Uwe Scharf
 

 

der Klick zur Diashow zur Transalp 2008

 
 

Trail in der Brenta, Hintergrund Adamello Gletscher

 

Blaue Linie ist unser Routenverlauf

 

Infos und Tour aus dem Buch Traumtouren von Ulrich Stanciu
Bikes von Jan Koba, Buchs / Schweiz

Samstag 16.08.2008
Buching – Hinterstein
Tageskilometer 51,60
Tageshöhenmeter 744
Zeit 3.10


Uwe ist von Buching über Füssen, Pfronten, durchs Vilstal, Schattwald, Oberjoch, die alte Jochstraße und den Vaterlandsweg nach Hinterstein zu mir gefahren. Am Abend beobachten wir vor der Haustüre die Mondfinsternis. Die Rucksäcke sind schon vorgepackt und nach dem Wiegen auf der Digitalwaage wird einiges gleich wieder ausgeräumt, weil der Buckelballast nicht zu schwer sein darf. Man braucht wirklich nicht viel. Das Waschmittel in der Tube ist relativ schwer, fährt aber mit. Wenn es auch Zeit kostet, auf das regelmäßige Waschen der verschwitzten Kleidung möchten wir nicht verzichten. Ich gehe bald schlafen weil ich erkältet bin.

Keine Stunde im Leben, die man im Sattel verbringt, ist verloren. (Winston Churchill)

Sonntag 17.08.2008
Hinterstein - St. Anton
Tageskilometer 79,5
Tageshöhenmeter 1873
Zeit 6.3 Stunden  

Es ist 6 Uhr früh, die Rucksäcke sind geschultert, meine Beine fühlen sich an wie Blei. Der Morgen ist so kalt, dass ich alles am Körper trage, was eigentlich für einen eventuellen Schneeeinbruch am Madritschjoch gedacht ist.

   
Gemeinsamer Start in Hinterstein Stillachtal Richtung Schrofenpass
   

Bei lausigen 10 Grad pedalieren wir los, rollen an der Ostrach entlang hinaus aus dem Hintersteinertal und hinaus aus dem Alltagstrott. Ich bin noch total müde und fühle mich schlapp. Kein Auto ist unterwegs, nur das Rauschen der Ostrach durchdringt mein dickes Stirnband. Die Wolken am Himmel färben sich rot, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist? Bei der Durchfahrt eines schmalen Weidegatters stelle ich mich mit dem ungewohnten Ranzen auf dem Rücken so ungeschickt an, dass ich prompt am Boden liege. Ich falle weich, lediglich den kleinen Finger biege ich mir schmerzhaft um, dafür bin ich nun aber wach. Auf der Landstraße erreichen wir über Altstätten und Fischen schließlich Oberstdorf. Das Nebelhorn 2224 Meter hoch, der Oberstdorfer Hausberg ist mit dunklen Wolken verhangen. Es wird immer kälter, nur noch 8 Grad. Trotz Mütze und dicken Handschuhen fröstelt es mich, meine Zehen frieren. Die Sonne kommt nicht hinter den Wolken hervor. Wir setzen uns in ein Bushäuschen, es ist 8 Uhr. Während Uwe Brotzeit macht, ziehe ich mir ein zweites Paar Socken an. Die ersten Radler in kurzen Hosen und kurzen Ärmeln fahren vorbei. Sie winken freundlich und rufen: „Guten Morgen, einen Guten Appetit, schmeckt es Euch schon?!“. Wir danken herzlich, schauen aber dann doch, dass wir weiter kommen, bevor der nächste Pulk Radler ankommt.
Entlang der Stillach fahren wir weiter und die Steigung nimmt zu. Nach und nach wandern die warmen Sachen in den Rucksack. Hinter einer Kuppe weitet sich das Tal und der Blick auf den Sattel wird frei. Die überholenden Radler grüßen mich ausgesprochen liebenswürdig, ich komme wohl sehr mitgenommen daher, und dass schon um die Uhrzeit.
Plötzlich strahlt die Sonne zwischen den Wolken, da geht es mir doch gleich viel besser, es wird schnell warm. Uwe sagt: „Schau da oben links schiebt einer sein Rad“. Mein Blick wandert in die gezeigte Richtung und ich kann kaum glauben, was ich da sehe. Über diesen steilen Felsabbruch soll ich mit dem Rad? Metallene Leitern blitzen von dort oben herunter. Ich hoffe, dass Uwe sich irrt, es woanders weiter geht und der Mann mit dem Rad dort oben nichts mit dem Schrofenpass zu tun hat.
Die Teerstraße endet abrupt am steilen Abzweig des Schrofenpasses. Auf einem Schild steht: „Zum Schrofenpass noch eine halbe Stunde“. Ab jetzt hilft nur noch schieben und tragen weiter. Vor allem links schieben, das ist ungewohnt. Der Weg wendet sich unbarmherzig auf die glänzenden Leitern zu. An einer kurzen Stelle ist der Steig stark verwittert und eigentlich gar nicht vorhanden.

   
Schrofenpass Das Rad ist Talseits zu schieben
   

Aber die Reparaturarbeiten sind in vollem Gang und werden nicht mehr lange dauern. Ich quäle mich über den steil abfallenden ausgewaschenen Graben, das Rad halte ich fest in der linken Hand und mit der Rechten suche ich einen Griff am Felsen, um mich hoch zu ziehen. Uwe steht viel zu nahe hinter mir, wenn ich rutsche reiße ich ihn mit in den Abgrund. Mein Herz klopft wie verrückt. Aber eine Sekunde später ist die Stelle überwunden und der weitere Aufstieg erscheint wie eine „ gemähte Wiese“.

   
Schrofenpass, zum Teil noch gut erhalten Dann nur über Hilfsbrücken begehbar
   

Vor dem Zweiten Weltkrieg war dieser heute sehr schmale Steig ein Saumpfad zwischen dem Allgäu und dem Lechtal. Bei Kriegsende wurde der Pfad von der SS gesprengt, um ihn für die anrückenden Truppen der Alliierten unbegehbar zu machen.
Am Pass auf 1688 Meter, verschnaufen wir und genießen den Blick über die Voralpentäler, in die gerade die Morgensonne einfällt. Der Weg nach unten ist bedingt fahrbar, ich kämpfe mit meiner Erkältung und bevor ich vor lauter Kraftlosigkeit noch stürze, schiebe ich die rumpeligen Passagen lieber. Dann rollen wir durch Lechleiten und genießen in Warth Kaffee und Apfelstrudel. Ich schlafe fast im Sitzen ein. Doch ehe dies passiert scheucht Uwe mich weiter mit den Worten: „Es geht jetzt nur bergab“, damit will er mich wohl motivieren. Von Warth läuft es echt flott nach Lech. Kaum unten in Lech, geht es wieder hoch Richtung Flexenpass (1773 m). Der Wintersportort Zürs auf 1717 Meter gleicht einer Geisterstadt. In dem Dorf sind die meisten Gasthöfe geschlossen und die Vorhänge zugezogen. Während der Abfahrt durch die Tunnel und Galerien des Flexenpasses bläst der Fahrtwind eisig. Es scheint keine Sonne mehr, ich will auch keinen Kaffee mehr, ich will nur noch ankommen und runter vom Rad.

   
Flexenpass Abfahrt Galerie Flexenpass
   

Aber erst geht es noch mal hoch nach St. Christof auf dem Arlbergpass (1998 m). 13% Steigung soll die Stecke haben, kommt mir gar nicht so vor. Es läuft wieder erwarten ganz gut und meine Beine machen perfekt mit. Schon von weit unten ist die Passhöhe zu sehen, aber es zieht sich mächtig. Ich höre Uwe dicht hinter mir atmen, wahrscheinlich geht es ihm zu gemächlich. In der Hoffnung, dass er hinter mir bleibt, gebe ich ein wenig Gas. Einige munter plappernde und vor Kraft strotzende Rennradfahrer überholen uns trotzdem. Am Pass kommentiert Uwe: „Musste das jetzt sein, dass du zum Schluss noch so rein trittst?“ Da hatte er wohl eine schlechte halbe Stunde! Aber mir wird jetzt sehr beruhigend klar, dass wir für die Tour ein ausgewogenes Kräfteverhältnis haben. Wir rollen zum Hotel Moserkreuz, 1370 Meter hoch gelegen und 150 Höhenmeter über St Anton. Das Hotel ist geschlossen, so ein Pech. Noch 400 Höhenmeter zur Konstanzer Hütte, 700 Höhenmeter zur Heilbronner Hütte dass ist mir alles zu weit. Der freundlichen Unterkunftsempfehlung einer Frau folgend, wende ich spontan das Bike und rolle, ohne auf Uwe`s protestierende Antwort zu hören ins Tal. Wir sprechen uns wieder vor dem Hotel Garni „Himmelhof“.

   
Himmelbett im Hotel Himmelhof Relaxen nach einem anstrengenden Tag
   

Vier Sterne prangen vom Schild. Uwe ist leicht sauer, weil er die Höhenmeter morgen wieder hoch strampeln muss. Wir treffen es aber perfekt und können diese Bleibe nur weiter empfehlen. www.himmelhof.com. Als Radfahrer bei Radfahrern zu Gast, da bleibt kein Wunsch offen. Der Wellnessbereich mit Saunen und Solarium steht zu unserer Verfügung. Nach einem Teller Nudeln, beim Italiener eine Straße weiter, falle ich wie tot ins Himmelbett.

Unsere Erlebnisse sind vielmehr das, was wir hineinlegen, als das, was darin liegt. (Friedrich Nietzsche)

Montag 18.08.2008
St Anton - Bodenalpe
Tageskilometer 49.80
Tageshöhenmeter 1788
Zeit  5.34 Stunden

Um 9 Uhr, nach einem wunderbaren Frühstück, verabschieden wir uns von unseren Wirtsleuten Margarita und Sebastian.

   
Vor dem 4 Sterne Hotel Himmelhof Im Verwalltal
   

Die Geschäfte haben schon offen, also wandern Vintschgerl und Schinken in meinen Rucksack. So flott wie wir gestern zum Genusstempel „Himmelhof“ rauschten, so steil geht es heute in der Morgensonne durch St. Anton wieder hoch zum Abzweig ins Verwalltal, das noch im Schatten liegt. Es ist kühl im Wald, der Weg führt am rauschenden Fluss Rosanna entlang. Die Natur inszeniert sich in wunderbarerweise. Ein bunter Fleckerlteppich aus grüner Wiese, gelbem Kreuzkraut und tief blauem Rittersporn bedeckt die Weiden. Wie hingemalt strahlt dazu der wolkenlose Himmel.
Wir erreichen die Gabelung zur Konstanzer Hütte. Nach links führt ein Weg in das Fasultal. Unser Weg führt nach rechts, entlang der plätschernden Rosanna in das Schönverwalltal. Bald bleibt die Baumgrenze hinter uns zurück und wir erreichen die vegetationsarmen Höhen.
Auf einem großen Stein, neben der Rosanna lassen wir uns nieder und machen Brotzeit. Das Glucksen des Wassers wird immer wieder von hellstimmigem Lachen übertönt. Es dauert, bis wir die zwei Hirtenbuben ausmachen, die laut lachend einen Hang herunter laufen in Richtung Tal. Geschickt hantieren sie mit ihren langen Hirtenstecken und kommen federleicht voran.
Gestärkt schieben und tragen wir die Bikes nach rechts hinauf auf den 2270 m hohen Sattel des Verbeller Winterjöchlis und überqueren damit die Verwallgruppe. Die Gipfel dieser Gruppe reichen über 3000 Meter hoch.

   
Verbeller Winterjöchlis Scheidseen
   

Im glatten Wasser der Scheidseen spiegeln sich die umliegenden Berge, Wollgras wächst an den Ufern. Vor uns liegt die Heilbronner Hütte auf 2320 m. Wir fühlen uns fit und auf guter Piste sausen wir die Hänge der Verwallgruppe hinab. Zur linken Seite fällt der Blick auf die 3000er der Samnaungruppe und rechts davon auf die Silvrettagruppe. Die höchste Erhebung der Silvrettagruppe ist der Piz Buin mit 3312 m.
Der kurze Gegenanstieg zum Zeinijoch heizt den Oberschenkeln wieder ein. Die Anstrengung lohnt sich, ein kleiner aber feiner Trail führt hinunter zum Kops Stausee. Wir machen schon wieder Brotzeit.

   
Donau - Rhein Wasserscheide Blick auf Galtür
   

Nach Überquerung der Rhein – Donau Wasserscheide folgt die fliegende Abfahrt entlang des Zeinisbaches in Richtung Paznauntal. Beinahe verpasse ich den Abzweig von der kleinen Rennstrecke auf die Schotterpiste nach Galtür. Uwe ruft mich gerade noch rechtzeitig zurück. Rund um den Wintersportort Galtür erinnern mächtige Lawinenverbauungen an das schwere Unglück vor einigen Jahren. Wir queren die Silvretta –Hochalpenstraße und fahren auf  Empfehlung eines Einheimischen den Radweg entlang der Trisanna. Hier kommt kein Gegenanstieg mehr, eine wohltuende Erholung für die Beine. Die Silvretta Hochalpenstraße führt von Bludenz durch das Montafontal bis auf die Bielerhöhe (2037 m) und durch das Paznauntal hinunter nach Landeck.
Bis in das Jahr 1616 gehörte das Paznauntal zur Gemeinde Sent, die auf der anderen Seite vom Fimberpass liegt. So wurden damals die Verstorbenen über den Fimberpass nach Sent auf den Friedhof gebracht. War der Pass im Winter nicht begehbar, wurden die Toten eingefroren und die Beisetzung in Sent fand erst im Frühjahr statt.
Der elegante Skiort Ischgl im Paznauntal wirkt im Sommer nicht sehr reizvoll, uns jedenfalls bewegt nichts zum Bleiben. Die breite Teerstraße hinter der Kirche führt steil bergan und beschert in wenigen Kehren über 350 elende Höhenmeter. Jeder flotte Fußgänger ist schneller als ich, es ist brutal heiß und über mir schwebt leise schnurrend die Gondel hinweg. Ich könnte es auch anders haben und ein Stück mit der Bergbahn fahren. Das lässt Uwe und die Idee Alpenüberquerung mit dem Mountainbike aber nicht zu. Im Anschluss an das sehr unbequeme Steilstück führt der Schotterweg gemächlich entlang des Fimbabaches durch das Fimbatal bis zur Bodenalpe. Noch eine weitere Stunde wäre es bis zur Heidelberger Hütte, doch wir sind beide erschöpft und mieten uns ein Zimmer auf der Bodenalpe.
Sei dir deiner Kräfte, Bedürfnisse und Möglichkeiten bewusst, dann wirst du auf jedem Weg den du beschreitest, einen Gefährten haben. (Weisheit aus Tibet)

Dienstag  19.08.2008
Bodenalpe - Burgeis
Tageskilometer 54.80
Tageshöhenmeter 2454
Zeit 7.3 Stunden


Abfahrt an der Bodenalpe um 8 Uhr. Ich habe sehr gut geschlafen, fühle mich erholt und fit. Vor allem freue ich mich jetzt schon auf die tolle Abfahrt vom Fimberpass. Erst müssen wir aber 450 Höhenmeter zur Heidelberger Hütte hoch strampeln. Der Weg radelt sich größtenteils sehr angenehm ohne nennenswerte Steigung.

   
Richtung Heidelberger Hütte Mitnahme für Fahrzeuge aller Art Verboten!
   

Die Hütte (2264 m) ist schon in Sichtweite als wir in die Schweiz einreisen, selbige verlassen wir heute aber schon wieder. An der Heidelberger Hütte beginnt die bequeme Schiebepassage auf den 2508 Meter hohen Fimberpass. Eine gute Stunde schiebt es sich bis zur Passhöhe. Markant ragt das dreigipfelige  Fluchthorn 3399 m (rät. Piz Fenga) in den stahlblauen Himmel. Von seinem Gletscher ist nicht mehr viel zu sehen. Es wurde 1862 erstmals bestiegen. Früher sind den Jägern die Gämsen auf das Fluchthorn entwischt, daher trägt es diesen Namen.

   
Fimberpass Abfahrt Richtung Zuort
   

Die Trailabfahrt vom Pass ist ein herausfordernder aber echter Hochgenuss. Weiter unten führt der Weg entlang der Aua Chöglias zum Hof Zuort. In dem kleinen Berggasthof kehren wir ein und gönnen uns als zweites Frühstück eine Mischung aus Kaiserschmarren und Cola Light. Die Aua Chöglias heißt ab hier La Branchla, sie mündet in der Nähe von Sent in den Inn. Nach der Rast führt unser Weg wieder bergan in Richtung Vna und dann rollt es fast bis Sur En. Am Campingplatz von Sur En haben wir großes Glück und bekommen passende Batterien für die Kamera. Wir sind sehr glücklich darüber, denn nun kommt ein absolutes Highlight der Tour, das Val d'Udina. Die Anfahrt zur Schlucht ist anstrengend und wenig spannend. Der Weg führt Kilometer um Kilometer stetig bergan durch den Wald immer am Fluss entlang zur Alpe Uina Dadaint. An den vielen steilen Rampen, trennt sich die Spreu vom Weizen. Mehrere Abschnitte sind, nicht nur von mir, bloß schiebend zu bewältigen. Nach und nach bleibt die Baumgrenze hinter uns zurück und die Schlucht liegt in Sichtweite zum Greifen nah.

   
Val d'Udina Mal durch Tunnel
   

Der Deutsche Alpenverein hatte es angeregt, dass diese halbe Wegeröhre in den Felsen gehauen wurde. Ausgeführt hat das Projekt in den Jahren von 1908 -  1910 die Firma Baratelli. Die Pläne dazu reichte der Ingenieur Richard Coray. Der über einen Meter breite und 600 Meter lange Steig führt durch 150 Meter senkrecht abfallende Felswände. Das späte Abendlicht zaubert eine ergreifende Stimmung und die Natur arrangiert sich sensationell. Das atemberaubende Schauspiel, welches Wolken, Licht, Felsen, das Rauschen des Wassers und des Windes herstellen, geht uns unter die Haut.

   
dann durch eine Halbröhre immer durch die Steilwand hinauf
   

Immer wieder staunend, schieben wir die 300 Höhenmeter auf 600 Meter durch die spektakuläre Schlucht. Oben auf dem Schlinig Pass (2251 m) empfängt uns ein ungestümer Wind, schnell ziehen wir die Jacken über. Schweigsam kurbeln wir, den unvergesslichen Eindruck der Schlucht im Sinn, über die Hochalm in Richtung Sesvenna Hütte. Die Zimmer sind ausgebucht, die Hütte ist gestopft voll und ich soll mit neun weiteren Personen, vermutlich Männern, ich jedenfalls sehe nur Männer, in einem Lager schlafen. Ich schaue wohl sehr unglücklich drein und Uwe macht mir den Vorschlag ins Dorf abzufahren. Begeistert stimme ich zu und wir rollen im Licht der untergehenden Sonne die steile Abfahrt hinunter.

   
Plateau Richtung Sesvennahütte Abfahrt ins Vinschgauer Etschtal
   

Gemütlich geht es dann weiter auf Teerpiste über Schlinig in Richtung Burgeis (1216 m). Der Ort ist ein typisches Vinschgauer Bauerndorf. Die Häuser sind geschmückt mit Erkern, Fresken und hübschen Torbögen. In der Pension Christophorus quartieren wir uns ein, direkt daneben rauscht noch ganz ursprünglich die Etsch vorbei. Da wir nun in Italien sind verspeisen wir eine große Pizza und trinken Rotwein. Was für ein wunderbarer Tag, wir sind restlos glücklich.

Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber dem Tag mehr Leben. (Unbekannt)

Mittwoch 20.08.2008
Burgeis – Schaubachhütte 2573 m
Tageskilometer 37.80
Tageshöhenmeter 2112
Zeit 5.03 Stunden

Nachts hat es geregnet, Wolkenfetzen ziehen wirr über den Himmel und über die umliegenden Gipfel. Das stattliche Benediktinerkloster Marienberg aus der Mitte des 12. Jahrhunderts liegt auf 1340 m Höhe über Burgeis. Seit 800 Jahren leben die Mönche dort nach den Regeln des Hl. Benedikt. Ein weiterer Leitsatz des Klosters lautet: „ora et labora“.
Wir flitzen entlang der Etsch in Richtung Mals. Dort weiter auf dem Radweg in Richtung Glurns auf 907 Meter.

   
Benediktinerkloster Marienberg Glurns
   

Die dicken Stadtmauern und Ecktürme erzählen von wehrhaften Zeiten. Als im Mittelalter die Landesfürsten noch Politik gemacht haben, war das malerische Glurns ein reger Umschlagplatz für den Salzhandel zwischen dem süddeutschen  Raum und der Lombardei.
Nicht nur der stattfindende Wochenmarkt, sondern auch die romantische Altstadt lockt die Besucher. Aus allen Himmelsrichtungen fallen zudem die Transalpfahrer in Glurns ein. Schnell ist das Kaffeehaus am Marktplatz rappelvoll und damit höchste Zeit für uns abzudüsen. Uwe lässt an seinem Bike noch die Bremsklötze vorne erneuern. Wer schon was kaputt hat am Rad oder noch etwas braucht, der ist in den Radläden von Glurns gut aufgehoben. Es ist 11:30 Uhr als wir endlich aufbrechen. Durch endlose Apfelplantagen rollen wir durch das Vinschgau hinaus in Richtung Prad am Stilfserjoch. Die Stilfserjochstrasse wurde 1822 erbaut und verbindet das Veltlin mit dem Vinschgau.
An der Stilfserbrücke verfahren wir uns um gut 150 Höhenmeter. Die Beschilderung vor Ort ist eindeutig, aber unser Roadbook irritiert. Ein freundlicher Bauer gibt sich redlich Mühe, uns dazu zu bringen wieder ins Tal hinab zu fahren und noch mal von unten anzufangen. Ein langes Stück führt der richtige Weg durch den Wald und dann auf der Teerstraße bis nach Sulden. Für die morgige Königsetappe, das Madritschjoch (3123 m) brauchen wir noch eine Brotzeit. Bis der Shop aufmacht gibt es im Kaffeehaus Apfelstrudel und Cappuccino. Es geht uns sehr gut.
Das erworbene Baguette ragt wie ein Schwert aus meinem Rucksack, das Bündnerfleisch duftet schon sehr verführerisch, aber erst geht es 700 Höhenmeter hoch bis zur Bergstation und der danebenliegenden Schaubach Hütte. Ja, schon richtig gelesen, man könnte das elende Stück auch mit der Bahn bewältigen, aber es schiebt sich auch ganz angenehm, zum Radeln ist es, nicht nur für mich, einfach zu steil.

   
Rückblick auf Sulden Im Hintergrund der Königstein
   

Schon von ganz unten sehe ich die Hütte, nur langsam kommt sie näher. Trutzig und abweisend steht das Ortlermassiv zur rechten Seite, schwarze Wolken umgarnen seine Gipfel, grau - blau schimmert das ewige Eis der Gletscher. Der Wind ist bitterkalt und ich sehne mich danach, endlich auf der Hütte anzukommen. In dieser Gegend sollen auch die Yaks leben, die Reinhold Messner aus Tibet mitgebracht hat. Leider ist Keines zu sehen. Die Region gehört zum Stilfserjoch Nationalpark, er wurde 1935 gegründet und umfasst derzeit eine Fläche  von 134.620 ha. Auf der Schaubach Hütte erwartet uns ein schönes Zimmer und ein 4-gängiges Abendessen. Morgen erwartet uns die Schiebepassage auf das Madritschjoch mit 17 % Steigung.

Ich kann, weil ich will, was ich muss. (Immanuel Kant)

Donnerstag 21.08.2008
Schaubachhütte – Tarsch
Tageskilometer 44.30
Tageshöhenmeter 1023
Zeit 4.10 Stunden

Frühstück um 6 Uhr. Vom Tal ziehen die Nebel hoch, die Ortlergruppe bekommt die ersten Sonnenstrahlen ab und glitzernd leuchten die Schneefelder auf. Unser Aufstieg zum Joch liegt noch im Schatten. Von weit oben dröhnt das klopfende Motorengeräusch der Bagger herunter. Neue Schipisten werden planiert und hohe Masten für die Liftanlagen im Boden verankert.

   
Start am frühen Morgen Im Hintergrund von links Königstein, Monte Zebru und Ortler
   

Die Luft ist dünn auf dieser Höhe, wir lassen uns Zeit. Immer wieder drehen wir uns um und betrachten das Ortlermassiv. Der Ortler ist mit 3905 Meter die höchste Erhebung der Gruppe neben dem Monte Zebru und dem Königstein. Erstmals bestiegen wurde der Ortler im Jahr 1804 von einem Gämsenjäger im Auftrag des Erzherzogs Johann von Österreich. Der Ortler war für kurze Zeit auch schon der höchste Berg Bayerns. 1805 gehörte das heutige Südtirol noch zum Land Tirol. Durch den Frieden von Pressburg fiel das Land Tirol dem neu erstandenen Königreich Bayern zu. In diese Zeit fällt auch das Geschehen um den Freiheitskämpfer Andreas Hofer (1767 – 1810). Er war der Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung. 1809 war er dreimal mit den Tirolern siegreich gegen die Truppen Napoleons.
Wieder und wieder fegen eisige Böen über den Bergkamm, der Boden unterliegt hier dem Permafrost. Dann klettert endlich die Sonne über den Grat und wir werden von ihr gewärmt. Am Joch öffnet sich die freie Sicht in das Martelltal. Tief unten im Tal liegt eine dicke Schicht aus bauschigen weißen Wolken. Es ist 9 Uhr morgens und ich stehe mit dem Bike auf 3123 Meter über dem Meer. Das Madritschjoch ist laut Buch der höchste mit dem Rad noch sinnvoll zu überquerende Alpenpass.

   
Madritschjoch, 3123 Meter Höchster Übergang auf unserer Tour
   

Wolkenfetzen werden wie Zuckerwattehappen kunstvoll von unsichtbarer Hand aus dem Tal in den Himmel gehoben, zum Hineinbeißen hübsch sieht das aus. Wenige Höhenmeter sind nach unten zu schieben, dann klicken die Schuhe in die Pedale und wir starten die lange genussreiche Abfahrt zur Zufallhütte.

   
Schöner Trail Richtung Zufallhütte
   

Erste Wanderer sind schon unterwegs, Schafe nagen auf den weitläufigen kargen Almflächen und eine große Schar  Dohlen kreist am Himmel. Der Nebel zieht beständig nach oben und plötzlich bin ich mitten drin, aber die Wolken lösen sich schnell auf. Ab der Zufallhütte in Richtung Zutrittsee ist die Abfahrt ganz entspannt und wir rollen weiter auf Teer über Morter in Richtung Etschtal. Da wir den Abzweig nach Tarsch verpassen, landen wir unten in Latsch. Bei einer Pizza überlegen wir, dass die Tarscher Alm auf 1950 Meter heute noch ein geeignetes Ziel wäre. Leider ist sie ausgebucht, uns bleibt nur übrig die 200 Höhenmeter nach Tarsch hoch zu strampeln und dort zu übernachten. Im Gasthof Bären genießen wir neben einem vorzüglichen Nudelgericht den Sonnenuntergang.

Verstand ist die Erkenntnis des Allgemeinen. Urteilskraft ist die Anwendung des Allgemeinen auf das Besondere. Vernunft ist das Vermögen, die Verknüpfung des Allgemeinen mit dem Besonderen einzusehen. (Kant) 

Freitag 22.08.2008
Tarsch - Tarscher Pass – Rabbijoch – Haselgruber Hütte
Tageskilometer 40.3
Tageshöhenmeter 3223
Zeit 7.35 Stunden

Wunschgemäß wird das Frühstück um 6 Uhr früh serviert. Dann geht es gleich sehr steil bergauf. Die Beine wollen heute erst nicht so recht in den runden Tritt kommen. Ab der Talstation zur Tarscher Alm führt ein steiler Schiebepfad durch den Wald. Im Tal scheint die Sonne, über uns quillt eine bedrohliche schwarze Wolke auf. Wir passieren die Tarscher Alm auf 1950 Meter. Eine große Menge Menschen verlässt die Bergstation, ja auch hier hätte man sich bequem hoch liften lassen können. Das hölzerne Kreuz des Tarscherpasses ist schon von hier zu sehen. Kurz blinzelt die Sonne durch die Wolkenberge, dann verdichtet sich das graue Dach und wir konzentrieren uns auf den steilen Weg mit 20 % Steigung. Die Wolken klappen kurz vor dem Kreuz über uns zusammen und die Sicht in das Tal ist versperrt.

   
Tarscher Pass ohne Fernblick
   

Ebenso die Ausblicke auf den Hasenohrgletscher im Süden und die Gletscher der Ötztaler Berge im Norden.
Oben angekommen auf 2517 Meter am Tarscher Pass schieben wir wieder 300 Höhenmeter, mit bis zu 23 % Gefälle nach unten. Zwischendurch sind wenige schlecht befahrbare Passagen. Der Pfad mündet in einen Schotterweg, ab hier rollt es gemütlich. Aber schneller als wir rauscht eine Herde Ziegen begleitet vom wilden Konzert ihrer Glocken in das Tal.

   
Steiler Abstieg Richtung Ultental
   

Die Tiere nehmen die Diretissima, es ist für mich nicht nachzuvollziehen, was für ein Teufel in die Vierfüßler gefahren ist. Sie erreichen lange vor uns die Alm, dort drehen sie abrupt um und flitzen wieder nach oben. Auf der Steinrasthütte kehren wir ein. Das Baguette fahre ich immer noch mit mir rum, aber es hält sich ja frisch an der kühlen Luft. Uwe hat Hunger und es gibt Pfifferlingknödel und Rote Beete Nudeln in Meerrettichsoße.
Um nicht vor einem vollen Haus zu stehen, telefonieren wir zur Haselgruber Hütte und buchen für die Nacht ein Zimmer. Damit legen wir uns zwar einigermaßen fest, aber das Wetter ist heute noch gut und morgen soll es unbeständig werden.
Zwischen uns und der Hütte liegt noch die Abfahrt ins Ultental und im Anschluss noch 1200 Höhenmeter, die Auffahrt über das Rabbijoch.
Der Trail hinunter nach St. Moritz und weiter in Richtung St. Nikolaus erweist sich als ein leicht fahrbarer Leckerbissen. Herrliche Ausblicke bieten sich von hier oben auf das charmante Ultental, die beseelten alten Blockhäuser kleben wie Schwalbennester an den Hängen. Tief unten rauscht der Valschauer Bach, er speist den azurblau leuchtenden Zogglerstausee. Wir sausen nach unten, es wird heiß und schwül, der tiefste Punkt ist St. Nikolaus auf 1256 m. Von nun an geht es in Richtung St. Gertraud, und das, was sonst, nur noch bergauf. Es ist schon 15 Uhr, am Himmel tummeln sich tief schwarze Wolken. Die ersten 500 Höhenmeter in das idyllische Tal zum Rabbijoch radeln sich locker und flott, wir sind gut drauf. An der Seefeldalm wird Butter gemacht, in gleichmäßigem Rhythmus dreht der Mann die Zentrifuge. Sein Gesicht hat tiefe Falten und ist von Wind und Wetter gegerbt. Ab der Seefeldalm schieben wir, es sind bei 16% Steigung und auf rohem Schotterweg nur noch ganz wenige Passagen zu fahren.

   
Nach über 3000 hm völlig am Ende Gleich ist das Rabbijoch erreicht
   

Der Himmel wird immer dunkler und der Wind frischer. Schon lange sehe ich das steinerne Kreuz. Als wir dort ankommen ist es aber nicht die Passhöhe, es fehlen noch 100 Höhenmeter. Also weiter schieben bis zum Rabbijoch (2487 m). Nebelschwaden fegen in einem rasenden Tempo über das Plateau. Nach einer kurzen rumpeligen Abfahrt ist die Haselgruber Hütte erreicht. Im Tal scheint die Sonne, nur an den Berggipfeln hängen schwere Wolken. Aber für einen Moment erspähe ich die Dolomiti di Brenta.

   
Kurz nach dem Rabijoch Einkehr in die Haselgruber Hütte
   

Die Hütte bietet Übernachtungsplätze für 40 Personen. Außer uns sind nur noch zwei weitere Gäste einquartiert. Wir haben Glück, gestern war die Hütte komplett ausgebucht. Zum Abendessen wird von der Wirtin das komplette Verwöhnprogramm aufgefahren. Wir lassen es einfach mit uns geschehen.

Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt. (Joseph v. Eichendorf)

Samstag 23.08.2008
Haselgruber Hütte – Madonna di Campiglio
Tageskilometer 39.8
Tageshöhenmeter 1119
Zeit 3.3 Stunden


Die Nacht ist sternenklar, der Morgen leider etwas bedeckt. Nach dem Frühstück reißt es auf und die Brentagruppe ist zu sehen. Die Berge hinter der Hütte empfangen ihre ersten Sonnenstrahlen. Schon um 8 Uhr klicken die Schuhe in die Pedale und wir freuen uns auf den anspruchsvollen Pfad.

   
Schöner Trail Richtung Val di Sole
   

Diese Abfahrt erweist sich schnell als eine weitere Delikatesse unter den Singletrails dieser Tour. Die Sonne scheint immer wieder durch die Wolken, dazu die erhabene Landschaft, es ist ein himmlischer Bikermorgen. Später biegt der Trail auf eine Schotterstraße ein, sie mündet in eine kleine Teerstraße, die uns schnell nach Male bringt.
Dort ist heute ein Radrennen und wir kommen gerade pünktlich zum Start. Die berühmten Rennställe sind vertreten, aber von der Fahrervorstellung verstehen wir kein Wort. Die Polizei sperrt, unterstützt von der Feuerwehr, den Hauptplatz und die Zufahrtstraßen großräumig ab. Das ganze Dorf scheint auf den Beinen zu sein, um die Radprofis anzufeuern.

   
Anfeuerung für die Straßenbiker
   

Ab Dimaro folgen wir dem beschilderten Schotterweg in Richtung Madonna di Campiglio (M.d.C.).
Hinter uns verdichten sich die Wolken und die Sonne verschwindet. Das Donnern wird immer lauter und schließlich zucken auch schon Blitze über uns. Noch vier Kilometer bis nach M.d.C. Es regnet leicht, wir befinden uns nahe eines Gasthofes und da es gerade 13 Uhr ist machen wir Rast. Gerade rechtzeitig, den kaum unter Dach, gießt es auch schon in Strömen. Das Gewitter entlädt sich mit einer unerwarteten Heftigkeit. Dann regnet es sich schließlich ein und die Temperatur sinkt. Wir beschließen weiter zu fahren, ehe es noch kälter wird. Es geht immer noch stetig bergan bis zum Passo Campo, dann fällt die Straße um etwa 150 Höhenmeter nach M.d.C. Das Spritzwasser der Reifen mischt sich mit dem Regen auf der Brille und die Sicht ist komplett vernebelt. Wir sind patschnass und beschließen uns schnellstens eine Zuflucht mit Sauna zu suchen. Die 600 Höhenmeter zum Rifugio Graffer wollen wir heute nicht mehr strampeln. Im Hotel Montana bekommen wir was wir wollen. Den restlichen Nachmittag verbringen wir in der Sauna des Hotels. Ein paar Schritte weiter in einem Restaurant in der Hauptstraße gönnen wir uns später noch eine Pizza. Gegen Mitternacht donnert und blitzt es abermals heftig und sintflutartiger Regen prasselt nieder. Irgendwann schlafe ich über das gleichmäßige Trommeln ein.

Erfolgreich ist, zu erreichen, was man sich wünscht. Glück ist, sich zu wünschen, was man erreicht! (Weisheit aus Indien)  

Sonntag 24.08.2008
M. d. C. – Rifugio Graffer – Passo Bregn da I `Ors - Passso Duron - Balbido
Tageskilometer 59.0
Tageshöhenmeter 2336
Zeit 7.06 Stunden


Ich mache die Augen auf, es ist schon Tag, mein Blick fällt vom Bett aus genau auf die Brentagruppe, sie ist weiß überzogen, wie mit einem großen Sieb Puderzucker draufgestreut. Wenig später geht die Sonne auf und der Himmel erstrahlt jungfräulich blau und wolkenlos.

   
Bei 2° Celsius und Bodennebel Richtung Rifugio Graffer
   

Um 8 Uhr fahren wir bei eiskalten 9 Grad wieder hoch auf den Passo Campo und nehmen den Abzweig zum Rifugio Graffer. Mit jedem Höhenmeter wird es kälter. Wo die Sonne schon durchkommt dampft der Waldboden. Die Temperaturen sinken weiter auf 5 Grad und schließlich sind es nur noch 2 Grad. Mein Atem steigt als weiße Säule zum Himmel auf. Das Atmen fällt mir sehr schwer in der eisigen Luft, ich muss schieben, Uwe leistet mir bald Gesellschaft, weil ich genauso schnell schiebe wie er rollt. Ach ja, fast zum greifen nah, schweben Menschen in Gondeln, über unseren Köpfen hinweg. Mit dem Erreichen der Baumgrenze trifft uns endlich die volle Sonneneinstrahlung und die wärmende Bekleidung wandert in den Rucksack. Der Weg wird wieder moderat und wir können munter weiter radeln. Die steil aufragenden Felsen der Brenta heben sich vom blauen Himmel ab. Immer wieder bleiben wir beeindruckt vor dieser gewaltigen Kulisse stehen. Die Luft ist kristallklar, vom Rifugio Graffer haben wir eine traumhafte Fernsicht. Die Gletscher der Adamello Gruppe, der höchste Gipfel dort Monte Adamello mit 3539 m und der Gletscher der Cima Presanella 3556 m leuchten um die Wette. Die Erstbesteigung der Presanella gelang 1864. Die Vertiefung, in welcher der Lago di Garda heute ruht, hat der ehemals gigantische Presanellagletscher ausgefurcht. Von der Aussicht wenig beeindruckt, baut die Musikkapelle ihre Instrumente auf.

   
Sonnenbad am Rifugio Graffer Noch 5 Minuten dann geht's wieder weiter
   

Die großen Tonwerkzeuge wie die Trommel, die „Ziach“ und der Kontrabass werden mit dem Landrover auf dem Hänger hier hoch gefahren. Die Mehrzahl der Musikanten „gondelt“ auf die Passhöhe des Passo Grosto und wandert die 30 Minuten zum Refugio herunter. Es dauert aber wohl noch bis es hier losgeht, denn der Pfarrer ist noch nicht da.
Also machen wir uns auf den Weg. Der Pfad beginnt gleich hier oben. Leider ist er durch den Regen sehr rutschig, höchste Aufmerksamkeit ist angesagt. Wurzeln und Steine sind wie mit Schmierseife überzogen und das Profil der Reifen ist mit Erde zugesetzt. Bei einem Gefälle bis zu 15 % ist äußerst behutsames Agieren angesagt. Wir rollen uns schnell auf die Situation ein und auf der Sonnenseite ist der schmale Singletrail ein hochkarätiges Sahneschnittchen.

   
Immer Hintergrund der Adamello Gletscher Traumtrail
   

Immer wieder halten wir an und genießen die Fernblicke auf die umliegenden Berge. Am Ende des Trails mitten im Wald verfehlen wir den bequemen Weg und gelangen auf einen schönen gesicherten, aber sehr schmalen Steig, der entlang dem Wasserfall nach unten führt. Die Steine sind nass und rutschig, der Pfad grob steinig, mit vielen Stufen und Holzbrücken, die Räder müssen wir oft heben und tragen.
Auf Schotter geht es weiter talwärts, der Wendepunkt liegt unter 900 Höhenmeter. Hier kratzen wir die Kurve und strampeln sehr bequem wieder auf 1850 Höhenmeter hinauf in Richtung Passo Bregn da I`Ors. Wunderhübsch liegt in einem Hochtalkessel der Lago di Val d`Algola.

   
Lago di Val d`Algola Traumhaft gelegen in der Brenta
   

Die letzten 200 Höhenmeter gelingen nur schiebend, den hübschen See und die strahlende Brentagruppe im Rücken. Auf dem Pass werden wir noch mal mit einem finalen Rundblick über die Gletscherberge belohnt. Eine geschmeidige Abfahrt führt hinab bis zur Alpe Brenta. Uwe droht schon wieder zu verhungern, also müssen wir einkehren und ein Apfelstrudel verhindert Schlimmeres. Nun folgt eine endlose Abfahrt, aber die kleine Teerstraße ist so stark zu gewachsen, dass eine zügige Fahrt riskant ist. Da ich in meinem schwarzen Outfit nicht gerade eine Leuchtdiode bin und die Autos schnell fahren sind wir sachte unterwegs. Der Fahrweg lotst uns hinunter bis nach Saone und von hier führt eine kleine Verbindungsstraße supersteil, aber geteert mit über 16 % Steigung auf die Hauptstraße zum Passo Duron. Wir schwitzen heftig in der Abendsonne, es ist 17 Uhr und auf dem Weg zum Pass werden wir von den Freizeitradlern regelrecht stehen gelassen. Nach 45 Minuten haben wir den Anstieg über 600 Höhenmeter geschafft. Aber nicht nur das, auch Uwe ist geschafft. Gereizt und müde erklärt er mir, dass er  heute eigentlich nicht mehr da hin wollte, wo er jetzt ist. So ein Pech, dass hätte er mal früher sagen sollen. Wir ziehen uns an und rollen auf Zimmersuche ins Tal. Der Himmel bedeckt sich, ich hoffe trotzdem auf einen schönen Tag morgen. Nach dem wir mehrfach erfolglos nach einem Quartier gefragt haben, nehmen wir die nächstbeste Übernachtungsmöglichkeit in Balbibo an. Obwohl in der Bar noch laute Stimmung ist, schlafen wir gut.

Kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend. (Johann Wolfgang v. Goethe)

Montag 25.08.2008
bis Roveretto Bahnhof
Tageskilometer 48.0
Tageshöhenmeter 700
Zeit 4.0 Stunden


Balbibo – Campi – Bastione – Riva del Garda – Roveretto

Der Himmel ist um 6 Uhr stark bewölkt, aber bis wir startklar sind, eine Stunde später, schon wolkenlos. Der langen Abfahrt folgen wieder 150 Höhenmeter auf den Passo Balino. Es ist nicht mal 9 Uhr, der Ort ist noch völlig verschlafen. Unweit von hier ist der Abzweig nach Campi, schön – wieder in der Sonne, ca. 150 Höhenmeter. Oberhalb der Ortschaft befindet sich eine archäologische Stätte. Wer es nicht eilig hat, an den Gardasee zu kommen, der kann die Kultstätte, wo höchstwahrscheinlich weibliche Gottheiten verehrt wurden, besuchen.

   
Blick auf Riva Am Gardasee angelangt
   

Dann, von dem kleinen Pfad zwischen Campi und Bastione, der gigantische Blick, von hoch oben auf den Gardasee. Annähernd nach jeder Kehre bieten sich immer wieder herrliche Ausblicke auf Riva del Garda und den Lago.
Ich fühle mich glücklich angekommen, das ist schön, aber ich bin auch fast ein wenig traurig darüber, dass es vorbei ist, es war genial. Die Ruinen der ehemaligen venezianischen Festung Bastione aus der Zeit um 1508 gehören zum Besitz der Gemeinde. Fast endlos kurven wir die engen Serpentinen von Bastione hinunter nach Riva und durch die schmalen Gassen an den Lago. Mit Prosecco, Cappuccino und einem Eisbecher feiern wir unsere gelungene Tour.

   
Sekt und Dolomitieis Belohnung muss sein
   

Die Rückkehr in den Alltag steht an, gegen Mittag radeln wir nach Roveretto. Um 14:30 Uhr kommen wir an und der Zug fährt um 14:35 Uhr. Am Brenner steigen wir aus und rollen die 40 Kilometer nach Innsbruck hinunter. Der Bahnhof ist groß, wohin? Es ist 16:30 Uhr, um 16:35 Uhr fährt der Zug nach Garmisch und wir sitzen drin! In Garmisch bleiben gerade vier Minuten Zeit zum Umsteigen. Aber unser Zug hat Verspätung und wir verpassen den Anschlusszug nach Reutte. Endlich Zeit etwas zu essen. Eine Stunde später zuckeln wir weiter nach Reutte. Da der Anschlusszug erst in einer Stunde eintrifft, schwingen wir uns noch mal auf das Rad und pedalieren nach Vils. Durch die Verspätung wird es bereits Nacht und da wir weder Beleuchtung am Rad noch eine Stirnlampe haben, lassen wir uns hier abholen.
Als ich beim Einschlafen das lange geplante, genussvolle Abenteuer Transalp noch mal in Gedanken abreiße, erwärmt sich die tief eingebrannte große Befriedigung in meinem Herz. Ich freue mich, dass ich es bewerkstelligt habe und so zufriedenstellend genießen konnte. Besonders freue ich mich aber für Uwe. Für ihn ist mit dieser Transalp ein jahrelanger großer Wunsch in Erfüllung gegangen. Diese Tour war ein brillantes Erlebnis und es wird nicht die Letzte sein.

Es ist nicht der unwichtigste Teil der Lebenskunst, die schönen Dinge im Leben nicht aufhören, sondern ausklingen zu lassen. (Elisabeth Bergner 1897 - 1986)
 

 

 

Datum

Höhenmeter

Kilometer

Zeit

Samstag

Buching – Hinterstein

16.08.08

  744

51,60

3.10

Sonntag

Hinterstein - St. Anton

17.08.08

1873

79,50

6.30

Montag

St Anton - Bodenalpe

18.08.08

1788

49,80

5.34

Dienstag

Bodenalpe - Burgeis

19.08.08

2454

54,80

7.30

Mittwoch

Burgeis – Schaubachhütte 2573 m

20.08.08

2112

37,80

5.03

Donnerstag

Schaubachhütte – Tarsch

21.08.08

1023

44,30

4.10

Freitag

Tarsch - Tarscher Pass – Rabbijoch – Haselgruber Hütte

22.08.08

3223

40,30

7.35

Samstag

Haselgruber Hütte – Madonna di Campiglio

23.08.08

1119

39,8

3.3

Sonntag

M. d. C. – Rifugio Graffer – Passo Bregn da I `Ors - Passso Duron - Balbido

24.08.08

2336

59,0

7.06

Montag

Balbido bis Roveretto Bahnhof

25.08.08

  700

48,0

4.00


 

 

der Klick zur Diashow zur Transalp 2008

 

 

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